zum Schmunzeln (3)


Der adlige Kater aus dem Schwäbischen hat sich zu vielen Situationen seine Gedanken gemacht. Passend zur Zeit hier seine Betrachtungen zur weiblichen Schmückkunst.

Das Zierwerk

In einem festen Rhythmus im Laufe eines Kalenderjahres pflegt meine zweibeinige Dame unser gemeinsames Heim mit allerlei Gegenständen zu füllen. Sie nennt es schmücken. Zum Jahresende hin bestaune ich dann eine Vielzahl von Figuren, manche sogar mit Flügeln, Kugeln, Ästen und Lichter, die in einem mir nicht nachvollziehbaren System an unterschiedlichen Orten verteilt werden. Nicht einmal meine allseits bekannten und somit reservierten Lieblingsplätze werden davon ausgenommen. Wenn ich ihr Tun zufälligerweise, wegen anderweitiger Verpflichtungen, nicht hautnah erlebe kann, habe ich beim Anblick dieser Verschönerungen immer das Gefühl, ich bin umgezogen. Die mir wichtige Ordnung, die in meinem Heim jeder Person und jedem Gegenstand einen festen Platz zuweist, ist vollständig dahin. Ich stehe vor völlig neuen Herausforderungen, wenn ich meine täglichen Inspektionsgänge über Fensterbänke, Sideboards und Tische vornehme. Meine Toleranz ist ja überaus ausgeprägt, aber manchmal werden meine Grenzen erreicht, und ich sehe mich zum Handeln gezwungen. Gewisse Teile dieses Firlefanz lernen dann mit meiner Hilfe das Fliegen. Das bekommt nicht allen, schafft mir aber ein bisschen Platz. Nicht alle diese störenden Gegenstände lassen sich jedoch in dieser einfachen Form entsorgen. Manche erfordern meine ganze Kraft und mit dem Einsatz aller meiner Fähigkeiten pflege ich dann mein ästhetisches Wohlbefinden besonders störende Elemente an andere Plätze zu bringen. Die Zweibeiner reagieren darauf immer etwas hektisch und beginnen eine ausgedehnte Suche nach den verschwundenen Gegenständen. Inzwischen bin ich aber so gewieft, dass sich die Suche über mehrere Tage hinzieht und ich den geschaffenen Freiraum genießen kann. Am schrecklichsten sind jene undefinierbaren Wesen, die bei einer zufälligen Berührung in einer mir fremden Sprache zu singen beginnen und sich dabei auch noch bewegen. Diese Form der Ausschmückung muss ich dann mit dem Einsatz meiner Zähne nach und nach beenden. Dankbar bin ich dafür, dass meine Zweibeiner auf die leuchtende Verzierung im Außenbereich meines Domizils verzichten. Das spart nicht nur Strom, sondern ist auch angenehm dunkel, wenn es Nacht ist. Lange habe ich mich nach dem Grund für dieses Tun gefragt. Inzwischen ist mir klar, die Zweibeiner möchten die dunkle Jahreszeit mit besonders viel Glanz und Licht kompensieren.

Ihr Moritz von und zu Blaustein

Aus:

Die andere Sicht des Alltäglichen
– Kalendergeschichten –

Joachim Dorn
neobooks, 26.04.2014

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2 Gedanken zu „zum Schmunzeln (3)

  1. Mallybeau Mauswohn

    Lieber Herr Dorn!

    Und nur den geübten Kletterkünsten des Katers hat es die dekorierfreudige Hausfrau zu verdanken, dass alle Schmuckstücke heil bleiben und nicht in 1000 Teilen auf dem Boden zerschellen. Eine Kuh würde da sicherlich wesentlich mehr ramponieren 🙂

    herzliche Abendgrüße von der Alm
    Mallybeau

    Antwort

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